Kein Mensch kennt mich

Iris Häussler begegnet Benjamine Kolbe

5. März 2022 – 29. Mai 2022

1/5 Georg Kolbe, „Benjamine van der Meer de Walcheren“, 1903, Staatliche Kunstsammlungen in Dresden, Albertinum. Korrespondenz Benjamine Kolbe, 1904
1/5 Ausstellungsansicht, Foto: Enric Duch
1/5 Iris Häussler, „SLR-004 um 1908“, 2016
1/5 Ausstellungsansicht, Foto: Enric Duch
Künstlerinnengespräch mit Iris Häussler am 29. März 2022

Benjamine Kolbe (1881–1927) blieb wie viele Künstlerfrauen ihrer Zeit im Schatten ihres Mannes. Durch den spektakulären Nachlassfund, der 2020 ins Georg Kolbe Museum kam, können nun erstmals mehrere Hundert Briefe und Fotografien Licht ins Dunkel bringen und die Frage beantworten: Wer war die Frau, die Kolbe verehrte und in unzähligen Werken verewigte?
Gleichzeitig entwirft die deutsch-kanadische Künstlerin Iris Häussler in einer Rauminstallation im großen Atelier einen feministischen Kommentar zur männlichen dominierten Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie erweckt zwei Künstlerinnen zum Leben, die es nie gab aber hätte geben können. Bei Häussler wird Realität, was die Geschichtsschreibung übersehen hat.

„[…] kein Mensch kennt mich, nur du weißt wie ich bin, nur dir habe ich mich gegeben so wie ich bin, das brauchen andere Menschen auch nicht zu wissen“, gesteht Benjamine van der Meer de Walcheren (1881–1927) dem jungen Georg Kolbe (1877–947) zu Beginn ihres Kennenlernens. Das intime Bekenntnis ist Zeugnis einer Verbundenheit, die über ihren frühen Tod hinaus fortdauern wird. Die junge holländische Opernschülerin und der am Beginn seiner Karriere stehende Bildhauer lernen sich 1901 in Bayreuth im Kreise der Familie Wagner kennen, sie heiraten 1902. Die Arbeit ihres Mannes bringt Benjamine Kolbe zunächst nach Leipzig und dann zu dritt, mit ihrer Tochter Leonore, nach Berlin. Vielfach finden ihre Gesichtszüge Eingang ins Werk Georg Kolbes und bezeugen ihre stete Präsenz in dessen Leben.
2019 bringt ein Nachlassfund mehrere Hundert unbekannte Briefe und Fotografien von Benjamine zum Vorschein und ermöglicht erstmals die gänzlich neue Betrachtung einer Person, die bisher hinter der des Künstlers Georg Kolbe verborgen blieb. Nun ergänzt die eigene Stimme – das geschriebene Wort – einer Frau, die zwischen ihren Rollen als Musikerin, Ehefrau, Mutter, Muse oder Gesellschafterin navigierend sich selbst suchte, die Erzählung ihres Lebens in einer Zeit historischen Umbruchs. In der Ausstellung „Kein Mensch kennt mich“ formen ergänzend dazu Skulpturen, Zeichnungen und Malerei von Georg Kolbe ein Bild von Benjamine Kolbe.

Die Rekonstruktion der Biografie von Benjamine Kolbe lässt zugleich Lücken und schafft damit Raum für Imaginationen. Diese Frageräume nutzt die Künstlerin Iris Häussler, lebend in Toronto (Kanada), um eine Begegnung des Ehepaars Kolbe mit zweien ihrer fiktiven Charaktere zu inszenieren: der französischen Malerin Sophie La Rosière (1867–1948) und dem Aktmodell Florence Hasard (1882–?), die ihre Geliebte und selbst Künstlerin war. Anhand verschiedener hergestellter Erinnerungsstücke und Kunstwerke erzählt Häusler von einer schicksalshaften Begegnung der beiden Liebespaare.
Die Installation „If“ (2021) geht auf Häusslers profunde Recherchearbeit zum Kunstschaffen von Frauen im frühen 20. Jahrhundert zurück. Die Zusammenkunft von historischen und erdachten Figuren, von künstlerischer Fiktion und kunsthistorischer Forschungsarbeit ermöglicht eine spielerische Annäherung an Formen von Geschichtsschreibung und befragt deren Perspektiven und Narrative.
Die Arbeit von Iris Häussler stellt überdies die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung und -behauptung im zeitlichen Kontext der frühen Moderne. Die imaginierte Überschneidung der Lebenswege von Benjamine Kolbe und Häusslers „Kunstfiguren“ verlebendigt nicht nur die einzelnen Charaktere, sondern fordert Besucher*innen heraus, sich in eine Geschichte hineinzubegeben, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion mitunter verschwimmen.

IRIS HÄUSSLER studierte Bildhauerei und konzeptionelle Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Heribert Sturm. Von 1983 bis 1990 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste München bei Heribert Jakob Sturm. Sie arbeitet im skulpturalen Bereich im musealen Kontext und inszeniert „fiktive Hinterlassenschaften“ von ihr erfundener Personen außerhalb von Museen und Galerien. Sie war Stipendiatin des Kunstfonds (Bonn) und wurde mit dem Karl-Hofer-Preis 1999 (Berlin) ausgezeichnet. Im Jahr 2010 wurde sie auf die Cape Farewell (UK) High Arctic Expedition eingeladen. Seit ihrer Einwanderung nach Kanada erhielt sie Stipendien vom Toronto Arts Council, dem Ontario Arts Council und dem Canada Council for the Arts.

Die Kuratorinnen: Dr. Sintje Guericke und Dr. Marlene Gunia