Geschichte des Tänzerinnen-Brunnen
Die Geschichte des Tänzerinnen-Brunnens
1920er-Jahre
Anfang der 1920er-Jahre konnte Georg Kolbe eine lang gehegte Idee verwirklichen, die er bereits in frühen Zeichnungen und plastischen Modellen erprobt hatte: ein Brunnen mit kauernden Gestalten, die eine Brunnenschale tragen, die von einer weiblichen Figur bekrönt wird. In diesem Zusammenhang entstanden zunächst verschiedene unter-lebensgroße tanzende Frauenfiguren, die auf einem Bein stehend mit ausgebreiteten Armen aus einer Art Blüte herauswachsen. Im Gegensatz zur bekleideten Javanischen Tänzerin, schuf Kolbe die Brunnentänzerin jedoch auch als lebensgroße Figur, die 1922 als Gipsmodell in der Frühjahrsausstellung der Berliner Akademie der Künste ausgestellt wurde (Fig. 1) und dann in seinem damaligen Atelier in Berlin-Tiergarten verblieb.
Kolbe erhielt im Zuge der Ausstellung zwei Aufträge für die Brunnentänzerin, die noch im selben Jahr in der Bildgießerei Hermann Noack in Berlin-Friedenau gegossen wurden. Während eine der beiden Bronzen, montiert auf einem Steinsockel, in den Garten einer Kölner Villa gelangte, konnte Kolbe den zweiten Guss in einen mehrteiligen Brunnen integrieren. Das Brunnenbecken, die hockenden männlichen Figuren und die Blütenschale aus Kalkstein ließ er auf dem Werksgelände eines Steinmetzes in Berlin-Moabit ausführen (Fig. 2). Für den Tänzerinnen-Brunnen kombinierte und modifizierte Kolbe zwei bedeutende Figuren aus seinem Frühwerk vor dem Ersten Weltkrieg. Während die drei kauernden Trägerfiguren an den Hockenden Somali von 1912 erinnern (Fig. 3), ähnelt die Brunnentänzerin in Größe und Bewegung Kolbes berühmter Tänzerin von 1911/12 aus dem Besitz der Nationalgalerie in Berlin (Fig. 4).
Auftraggeber des Tänzerinnen-Brunnens war der in Berlin lebende Heinrich Stahl (1868–1942), der für die international renommierte Victoria Versicherung tätig war. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Direktor und Aktionär der Victoria gelangte Stahl zu großem Wohlstand, der sich auch in seiner repräsentativen Villa in Berlin-Dahlem (Im Dol 32) widerspiegelte. Stahl war zudem ein passionierter Kunstsammler, der eine große Sammlung französischer Impressionisten besaß, wie auch Gemälde von Lovis Corinth, Lesser Ury und Max Slevogt. Mit dem Maler Max Liebermann, der ihn 1925 porträtiert hatte, verband ihn eine besondere Freundschaft (Fig. 5). Aus dem gleichen Jahr hat sich im Nachlass Kolbes ein Brief erhalten, in dem Stahl sich, bezugnehmend auf den Brunnen, als: „[…] glücklicher Besitzer einer herrlichen Schöpfung von Ihrer Hand […]“ bezeichnete. Wie auf historischen Fotografien zu sehen ist, wurde der Brunnen an zentraler Stelle im Garten vor der Villa Stahl aufgestellt (Fig. 6).
1930er- bis 1940er-Jahre
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933, als Stahl aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebungen als jüdischer Deutscher nicht mehr im Inlandsgeschäft tätig sein durfte, betreute er ausschließlich verschiedene Auslandsabteilungen der Versicherungsgesellschaft. 1937 schied er im Alter von 69 Jahren aus dem Amt aus.
Besondere Verdienste erwarb sich Heinrich Stahl als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Während seiner siebenjährigen Amtszeit von 1933–1940 lag sein Schwerpunkt auf der sozialen Arbeit, die er als tragenden Pfeiler der jüdischen Gemeinde begriff. Dazu zählte die Gründung und Förderung von Kinder- und Altenheimen sowie Obdachlosenunterkünften ebenso wie die Unterstützung seiner Gemeindemitglieder bei Formalitäten in Zusammenhang mit erzwungenen Emigrationsplänen und deren Umsetzung.
Nachdem Stahl, auf eigenen Wunsch, im Januar 1940 aus dem Amt verabschiedet worden war, teilte er wenige Tage später der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) schriftlich mit, dass er nach Abschluss seiner Auswanderungsvorbereitungen, Deutschland verlassen werde. Trotz Zahlung der Reichsfluchtsteuer im Februar 1940, gelang es dem Ehepaar Stahl jedoch nicht mehr, zu ihrem Sohn Bruno nach Belgien zu emigrieren. Die Gestapo blockierte und verhinderte die Ausreise.
Ein Jahr später, im Januar 1941, sah sich Stahl endgültig gezwungen, seine Villa und das Grundstück zu verkaufen. Aufgrund der Verordnung „Über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ von 1938 wurde das Grundstück zu einem Einheitswert von 162.000 Reichsmark an den bulgarischen Konsul Theodor Dimanow verkauft. Aus der Anlage des Kaufvertrags geht hervor, dass damit auch „der Brunnen von Prof. Kolbe“ veräußert wurde.
Nach dem Verkauf ihres Hauses wohnte das Ehepaar Stahl zunächst in einer nahe gelegenen kleineren Wohnung, bevor sie am 4. Juni 1942 in einer Gemeinschaftswohnung in der Bozener Straße in Berlin Schöneberg unterkamen. Am 11. Juni 1942 wurden beide in das Sammellager Große Hamburger Straße verbracht, um von dort aus in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert zu werden. Heinrich Stahl starb am 4. November 1942 aufgrund der Bedingungen der Lagerhaft an einer Lungenentzündung. Seine Frau Jenny überlebte den Holocaust und konnte 1950 über Umwege von Schweden aus in die USA emigrieren.
1950er- bis 1960er-Jahre
Der neue Besitzer der Villa Stahl konnte Berlin kurz nach Kriegsende verlassen: Theodor Dimanow ließ sich im faschistischen Spanien nieder. Es gelang ihm, die Brunnentänzerin mit nach Madrid zu transportieren, wo er sie in seinem Garten aufstellte. Die Brunnenschale mit den Trägerfiguren hingegen verblieb vor der Villa, die nach Kriegsende als Notunterkunft genutzt wurde.
Am 10. Juni 1950 beantragte Bruno Stahl zusammen mit seiner Mutter Jenny Stahl beim Wiedergutmachungsamt Berlin einen Rückerstattungsanspruch gegen Theodor Dimanow für das Grundstück Im Dol 32. Doch der Beklagte widersprach. Über drei Jahre stritt man über den tatsächlich gezahlten Kaufpreis für das Grundstück und die Villa. Während die Nachfahr*innen Stahl den offiziellen und damit viel zu geringen Kaufpreis zugrunde legten, behauptete Dimanow, er habe außerhalb des Vertrags und im Rahmen eines von ihm sogenannten Gentleman-Agreement mehr als das Vierfache an Stahl, zum Teil in bar gezahlt. Bezüglich des Brunnens ließ er die Nachfahr*innen im Unklaren darüber, dass sich die Brunnentänzerin weiterhin in seinem Besitz in Spanien befand. Beide Parteien schlossen im Mai 1953 vor dem Landgericht Berlin einen Vergleich, der eine Zahlung von Theodor Dimanow an die Familie Stahl in Höhe von nur 2.000 US-Dollar vorsah. Im Gegenzug verzichteten die Nachfahr*innen auf die Rückgabe des Grundstücks und auf alle damit im Zusammenhang stehenden Ansprüche. Erst mit Abriss der Villa Stahl Mitte der 1960er-Jahre und im Zuge einer kleinteiligen Neubebauung mit flachen Pavillons wurde das Brunnenbecken demontiert und umgesetzt (Fig. 7).
1970er-Jahre
Mitte der 1970er-Jahre findet die Brunnentänzerin Erwähnung in einer Kurzmeldung in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: Sie sei überraschenderweise in einem Garten in Madrid entdeckt worden. Im Artikel wird sie fälschlich als „Zwillingsguss“ der berühmten Tänzerin von Kolbe bezeichnet (Fig. 8). Die damalige Direktorin des Georg Kolbe Museums, Kolbes Enkelin Maria von Tiesenhausen, nahm daraufhin Kontakt zu dem im Artikel genannten Theodor Dimanow in Spanien auf, um die Tänzerin für das Museum erwerben zu können. 1975 verstarb Theodor Dimanow während der Verhandlungen um einen Verkaufspreis. Zwei Jahre später einigte sich Tiesenhausen schließlich mit dessen Nachfahr*innen auf eine Kaufsumme von 120.000 Deutsche Mark, die mit Unterstützung der Deutschen Klassenlotterie aufgebracht wurden. Nach über 30 Jahren kehrte die Brunnentänzerin im Januar 1978 nach Berlin zurück und wurde kurz darauf im Georg Kolbe Museum präsentiert. Die neue Direktorin Ursel Berger, die von 1978–2012 das Georg Kolbe Museum leitete, bemühte sich dem Schicksal Heinrich Stahls weiter nachzugehen. Sie befragte ehemalige Nachbar*innen der Familie Stahl sowie die Nachfahr*innen Dimanows. Darüber hinaus stand sie mit Werner Stahl, dem Enkel Heinrich Stahl, in Austausch.
Im April 1978 veröffentlichte das Museum eine Suchmeldung nach dem Brunnenbecken in der Berliner Presse (Fig. 9). Daraufhin meldete sich die Bewohnerin eines Zehlendorfer Seniorenheimes in der Berliner Beerenstraße, die aus ihrem Zimmer direkt auf die Brunnenschale im Hof blickte. Im folgenden Jahr stellte die Baugesellschaft Gehag, der das Grundstücks Im Dol 32 wohl vorrübergehend gehörte, dem Georg Kolbe Museum das demontierte Brunnenbecken mit den Trägerfiguren zur Verfügung. Schließlich wurden beide Teile – die aus Spanien zurückgekehrte Brunnentänzerin in Bronze und der Unterbau des Brunnens im Herbst 1979 im Garten des Georg Kolbe Museums zusammengefügt.
2000er- bis 2020er-Jahre
Zu Beginn der 2000er-Jahre kam es erneut zu einem Austausch zwischen dem Georg Kolbe Museum und Werner Stahl, der in der Folge im Namen der Familie auf den Brunnen verzichtete. Die Familie bat darum, in Ausstellungsdokumentationen auf die Provenienz der Bronze und das Schicksal von Heinrich Stahl in geeigneter Weise hinzuweisen.
Im Rahmen des Forschungs- und Ausstellungsprojektes „Der Brunnen/The Fontain“ beschäftigt sich das Museum seit 2024 mit der Erforschung und historischen Einordnung des Tänzerinnen-Brunnens. In der Folge wurde mit Jahresbeginn 2025 von Seiten des Museums der Dialog mit den Nachfahren Stahls aufgenommen, um die Restitutionsfrage zu klären und darauf aufbauend gemeinsam neue Formen des Erinnerns zu entwickeln. Bei dem Brunnen handelt es sich unstreitig um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Das Georg Kolbe Museum zieht daraus Konsequenzen für den laufenden Umgang mit dem Objekt, bekennt sich zu den Washingtoner Prinzipien und hat eine gerechte und faire Lösung mit den Nachfahren Heinrich Stahls gefunden. Nach erfolgten juristischen Klärungen steht nun fest, dass Werner Stahl Anfang der 2000er-Jahre den Verzicht auf den Tänzerinnen-Brunnen nicht im Namen der gesamten Familie Stahl erklärt hat. Vor diesem Hintergrund hat das Georg Kolbe Museum das Werk an die Erbengemeinschaft restituiert.