Georg Kolbe

Georg Kolbe (1877-1947) zählt zu den bedeutendsten Bild­hauern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine ideali­sierten Akt­plastiken sind Ausdruck inten­siver Beschäftigung mit der Darstellung des modernen Menschen. Der künstler­ische Durch­bruch gelang ihm 1911 mit seiner „Tänzerin“. Ihr folgten zahl­reiche Skulpturen, die von der Bewegt­heit des Aus­drucks­tanzes inspiriert sind. Kolbes expressive Frauen­figur „Morgen“ kam in Ludwig Mies van der Rohes Barcelona Pavillon von 1929 zur Auf­stellung, einem heute ikonischen Gebäude der Moderne. Auch Walter Gropius, Hans Poelzig oder Henry van de Velde schätzten seine Skulpturen und brachten sie in Beziehung zu ihren Architekturen. Kolbe engagierte sich in den se­zess­ion­istisch­en Ver­einigungen seiner Zeit und stand in engem Austausch mit Künstler*innen wie Max Beckmann, Renée Sintenis, Ernst Barlach und Karl Schmidt-Rottluff.

1/7 Georg Kolbes „Tänzerin“, 1911/12, Fotos: Ludwig Schnorr von Carolsfeld
1/7 Studien nach dem Tänzer Vaslav Nijinsky, 1912
1/7 Studien nach der Tänzerin Charlotte Bara, 1920
1/7 Georg Kolbes „Morgen“ in Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon, 1925, Foto: Cami Stone
1/7 Georg Kolbe bei der Arbeit an der Skulptur „Wiedergeburt“ (1942); Studie zu „Ruhender Athlet“ (1935)
1/7 Blick in das Atelier von Georg Kolbe um 1940, im Zentrum die Skulptur „Wächter“ (1937), Foto: unbekannt
1/7 Georg Kolbe beim Modellieren des Portraits von Ferdinand Sauerbruch, 1943, Foto: unbekannt

Zunächst als Maler und Zeichner ausgebildet, wandte sich Georg Kolbe um 1900 im Rahmen eines längeren Aufenthalts in Rom der Bildhauerei zu, um in der Plastik seine Lebens­auf­gabe als Künstler zu erkennen. Was ihn dabei immer wieder antrieb, war der Versuch, eine Form zu finden im Gleich­klang von Körper und Geist, einen gültigen Ausdruck für die innere Bewegt­heit des Menschen. Entsprechend nutzte für seine Kunst den Begriff „Aus­drucks­plastik“. Nach einem Umzug im Jahr 1904 nach Berlin fand der Bild­hauer Ende des Jahrzehnts zu seiner eigenen Formen­sprache. 1911/12 wurde seine knapp lebensgroße Skulptur „Tänzerin“ durch den damaligen Direktor Ludwig Justi als erste moderne Plastik für die Sammlung der Berliner National­galerie angekauft. Die Darstellung des jungen, ganz in die tänzerische Bewegung versunkenen zierlichen Mädchens galt offenbar als Sinn­bild eines neuen Verständ­nisses moderner Plastik. Alles Manierierte, Süßliche und Starre der Kunst der Kaiserzeit ließ sie zugunsten eines körper­betonten Schönheits- und Kunst­begriffs eines jungen, doch selbst­bewussten Bürgertums hinter sich. Es zeigte sich ein neuer, freier Mensch, der sich regelrecht aus den Fesseln der alten Zeit her­aus­zu­tan­zen vermochte.

Die 1910er-Jahre in Kolbes Werk sind beseelt von zarten, empfind­samen und geschmeidigen Körpern, die der Vielgestaltigkeit ihrer Welt und deren Her­aus­forderungen gewisser­maßen auf Zehen­spitzen begegnen. Ein­drucks­volles Beispiel für diese wichtige Phase in Kolbes Frühwerk ist die kleine Skulptur des russischen Star-Tänzers Vaslav Nijinsky, dem Kolbe ein ganz­figuriges Porträt von äußerster Anmut und Grazie widmete. Der Tanz und insbesondere seine neuen Aus­drucks­formen, die von Künstler­innen wie Gret Palucca, Vera Skoronel, Charlotte Bara oder Ted Shawn entwickelt wurden, blieb bis in die späten Jahre eine wichtige Inspirationsquelle für den Bildhauer.

Begleitet ist Kolbes Werk stets von feinen und gleichsam kraft­vollen Zeichnungen, in denen der Künstler konsequent daran arbeitete, den menschlichen Körper in all seiner Bewegt­heit zu fassen. Das ursprünglich erlernte, gekonnt beherrschte Medium gab ihm eine Leichtig­keit, auf Basis derer er der bild­hauer­ischen Bear­beitung eines Themas groß­zügigen bildner­ischen und ideellen Raum geben konnte. Die Zeichnung sowie die aus ihr re­sultier­ende Druck­grafik machten überdies ein wichtiges Standbein Kolbes künstlerischer Karriere aus. In der Galerie Paul Cassirer waren sie beliebte Verkaufs­objekte, an ihrem merkantilen Erfolg hatte Kolbes früher Förderer und einfluss­reicher Berliner Galerist deutlichen Anteil. Aus heutiger Sicht gehören die Zeichnungen Kolbes zum Modernsten und wohl auch zum Schönsten, was der Künstler im Laufe seiner Karriere geschaffen hat.

In den 1920er-Jahren fand Georg Kolbe zu einem reifen Werk, das bis heute hohe Popularität genießt. Insbesondere die wiederholte Zusammen­arbeit mit international her­aus­ragen­den Architekten der Moderne macht deutlich, wie stark der Bildhauer neue Ideen von Raum und Proportion, Volumen und Leichtigkeit, Umriss und Perspektive in seinem Werk durch­dachte und auch auf diesem Feld nach neuen Lösungen suchte. Bekanntestes Beispiel ist die Auf­stellung seiner Skulptur „Morgen“ von 1925 in dem vom einfluss­reichen Architekten Ludwig Mies van der Rohe entworfenen Barcelona-Pavillon für die Welt­ausstellung von 1929.

In den 1920er-Jahren zieht auch ein schwereres, eher von kraftvollem Sport als von der tänzerischen Leichtigkeit geprägtes Körperideal in die Skulpturen Kolbes ein. Sowohl der „Morgen“ als auch die „Nacht“ zeigen sportlich durch­trainierte, energie­gelade Frauenkörper. Sie huldigen einem selbst­bewussten, eher androgynen Schön­heits­ideal und stehen so im Gegen­satz zur jugendlichen Zartheit seiner frühen Figuren. Weniger kraftvoll muss sich hingegen der Bildhauer selbst gefühlt haben, der nach dem Tod seiner Frau Benjamine 1927 in eine künstlerische wie persönliche Krise geriet, von der er in zahl­reichen Briefen an Freunde und Vertraute berichtete. Aus heutiger Sicht erscheinen die späten Skulpturen aus den letzten 15 Jahren seines Schaffens weniger vom Wunsch nach neuen bildner­ischen Lösungen durch­drungen, als von einer zunehmend starren Redundanz. Der raumg­reifenden Bewegt­heit der früheren Figuren weichen statische, fast immer stehende Körper­haltungen ohne erkennbare kom­posi­torische Neu­gier oder die Raffinesse der früheren Konzeptionen. Das durch eine Krankheit schwindende Augenlicht und eine wieder­kehrende Krebs­erkrankung, die 1947 zum Tod des Künstlers führen sollte, mögen zu dieser Ver­änderung beigetragen haben. Insbesondere jedoch aufgrund einer immer größeren, häufig auch über­lebens­großen Ausführung, einer immer un­differenz­ierter werdenden Physiognomie, sowie eines körperlich ausstrahlenden Pathos der Über­windung sind sie von heute aus gesehen allzu leicht als Vorboten und später als Zeugen eines kraft­strotzen­den germanischen Körper­ideals der Nationalsozialisten zu deuten. Kolbe selbst war nie Mitglied der NSDAP, hat nie eine Büste von Adolf Hitler geschaffen, lehnte das men­schen­ver­achten­de Gedanken­gut der neuen deutschen Machthaber von Grund auf ab, das legen private Briefe und Zeugnisse nahe. Dennoch hat er sich nach Meinung Vieler öffentlich nicht deutlich genug distanziert, nicht jede Ehrung oder Aus­zeichnung der damaligen Macht­haber abgelehnt.

Aus heutiger Sicht zeigt sich eine Künstler­biografie voller Brüche und Wider­sprüche, welche wir als Nach­geborene aushalten müssen. Jenseits des kunst­historischen Urteils besteht die Not­wendig­keit einer zeit­historischen Ein­ordnung der künstler­ischen Produktion.