Kein Mensch kennt mich

Iris Häussler begegnet Benjamine Kolbe

4. März 2022 – 29. Mai 2022

1/4 Georg Kolbe, „Porträt Benjamine“, um 1903 © Bildarchiv Georg Kolbe Musem
1/4 Georg Kolbe, „Benjamine van der Meer de Walcheren“, 1903, Staatliche Kunstsammlungen in Dresden, Albertinum © Bildarchiv Georg Kolbe Museum. Korrespondenz Benjamine Kolbe, 1904 © Bildarchiv Georg Kolbe Museum
1/4 Iris Häussler, „SLR-004 um 1908“, 2016 © Daniel Faria Gallery - Toronto
1/4 Iris Häussler, „SLR-166 (1907)“, 2016 © PSM Gallery - Berlin

Benjamine Kolbe wurde im frühen 20. Jahrhundert als Frau an der Seite des Bildhauers Georg Kolbe bekannt. Wer sie darüber hinaus war, was sie hätte sein können, welche Facetten ihrer Persönlichkeit Zeit ihres Lebens unentdeckt blieben, befragt die Ausstellung Kein Mensch kennt mich. Aus einer Zusammenkunft mit der zeitgenössischen Künstlerin Iris Häussler entspringt eine erdachte Ergänzung ihrer Biographie: Häussler lässt zwei der fiktiven Charaktere, die sie seit vielen Jahren in ihrer künstlerischen Praxis entwickelt, im Paris des frühen 20. Jahrhunderts auf das Ehepaar Kolbe treffen. Durch die Gegenüberstellung ihrer Geschichtserzählung mit historischem Material aus dem Archiv des Georg Kolbe Museums thematisiert die Ausstellung das Wesen des Erinnerns und Bewahrens menschlicher Biografien. Zugleich zeigt sie Grenzen und Möglichkeiten verschiedener Weiblichkeitsentwürfe im Wandel der Zeiten auf.

„[…] kein Mensch kennt mich, nur du weißt wie ich bin, nur dir habe ich mich gegeben so wie ich bin, das brauchen andere Menschen auch nicht zu wissen“ gesteht Benjamine van de Meer de Walcheren (1881-1927) dem jungen Georg Kolbe (1877-1947) zu Beginn ihres Kennenlernens. Das intime Bekenntnis ist Zeugnis einer Verbundenheit, die über ihren frühen Tod hinaus fortdauern wird. Die junge holländische Opernschülerin und der am Beginn seiner Karriere stehende Bildhauer lernen sich 1901 in Bayreuth im Kreise der Familie Wagner kennen. Die Arbeit ihres Mannes bringt Benjamine Kolbe zunächst nach Leipzig und dann zu dritt, mit ihrer Tochter Leonore, nach Berlin. Vielfach finden ihre Gesichtszüge Eingang ins Werk Georg Kolbes und bezeugen ihre stete Präsenz in dessen Leben und über den Tod hinaus.

1928, kurz nachdem Benjamine Kolbe verstirbt, lässt sich der Witwer mit seinem neuen Wohnatelier – dem heutigen Georg Kolbe Museum – einen Rückzugsort nahe ihres Grabes errichten. 2019 bringt ein Nachlassfund mehrere hundert unbekannte Briefe von Benjamine zum Vorschein und ermöglicht erstmals eine gänzlich neue Betrachtung einer Person, die bisher hinter der des Künstlers Georg Kolbe verborgen blieb. Nun ergänzt die eigene Stimme – das geschriebene Wort – einer Frau, die zwischen ihren Rollen als Musikerin, Ehefrau, Mutter, Muse oder Gesellschafterin navigierend sich selbst suchte, die Erzählung ihres Lebens in einer Zeit historischen Umbruchs. Die Rekonstruktion ihrer Biografie lässt zugleich Lücken offen und schafft damit Raum für Imaginationen. Letzteren nutzt die in Kanada lebende Künstlerin Iris Häussler (*1962), um eine Begegnung des Ehepaars Kolbe mit zweien ihrer fiktiven Charaktere zu fingieren: Die Geschichte der französischen Malerin Sophie La Rosière (1867–1948) und dem Aktmodell Florence Hasard (1882–?), die ihre Geliebte und selbst Künstlerin ist, wird in der Ausstellung anhand von Kunstwerken und verschiedenen Memorabilia aus ihren Nachlässen greifbar, die auf Häusslers Konzeption und akribische Recherchearbeit zurückgeht.

Die Zusammenkunft von historischen und erdachten Figuren, von künstlerischer Fiktion und kunsthistorischer Forschungsarbeit, ermöglicht eine spielerische Art der Annäherung an Formen von Geschichtsschreibung und verschiedenste Themen wie die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung- und behauptung. Die imaginierte Überschneidung der Lebenswege von Benjamine Kolbe und Häusslers „Kunstfiguren“ verlebendigt nicht nur die einzelnen Charaktere, sondern fordert Besucher*innen heraus, sich in eine Geschichte hineinzubegeben, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion mitunter verschwimmen. Im Zentrum dieser hybriden Welt stehen Fragen, die die kunsthistorische Nachlasserschließung ebenso betreffen, wie jede einzelne Biografie: Was ist der Kern der Erinnerung an einen Menschen? Wie lässt sich ein Andenken bewahren? Wie viel gesellschaftliche Erwartungshaltung und wie viel von uns selbst, steckt in der Geschichte des anderen?

Kuratorinnen: Dr. Sintje Guericke und Dr. Marlene Gunia.

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