Restitution des Tänzerinnen-Brunnens von Georg Kolbe

Seit 2024 hat das Museum im Rahmen des Forschungs-, Vermittlungs- und Ausstellungsprojekts „Der Brunnen/The Fountain“ interdisziplinär und iterativ an der Erforschung, historischen Einordnung und Kontextualisierung von Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen (1922) gearbeitet. Anfang 2025 hat das Museum proaktiv den Dialog mit den Nachfahren des ursprünglichen Eigentümers des Brunnens, Heinrich Stahl, aufgenommen. Ziel war es, die Restitutionsfrage zu klären und darauf aufbauend neue Formen des Erinnerns zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund und nach den in den vergangenen Monaten erfolgten juristischen Klärungen steht fest, dass Werner Stahl, der Enkel von Heinrich Stahl, im Jahr 2001 den Verzicht auf den Tänzerinnen-Brunnen nicht im Namen der gesamten Familie Stahl erklärt hat. Bei dem Brunnen handelt es sich unstreitig um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Deshalb haben das Georg Kolbe Museum und das Kuratorium der Georg Kolbe-Stiftung im Februar angeboten, das Werk vollständig an die Erbengemeinschaft nach Heinrich Stahl zu restituieren. Das Georg Kolbe Museum bekennt sich als öffentliches Museum in Deutschland zu den Washingtoner Prinzipien, die 1998 eine Regelung für den Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut gefunden haben. Das wichtigste Ziel des Museums war es, eine faire sowie gerechte Lösung gemeinsam mit den Nachfahren des ursprünglichen Eigentümers herbeizuführen. Dies ist geglückt und die Erbengemeinschaft nach Heinrich Stahl nahm das Restitutionsangebot an.

1/2 Im Vordergrund der Tänzerinnen-Brunnen Georg Kolbes, im Hintergrund David Hartt, Metabolic Rift, 2025, Digitales Video, 6:04 Minuten, Endlosschleife, Farbe, ohne Ton, LED-Videowand, 300 × 200 cm. Produziert vom Museum Georg Kolbe, Berlin. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Thomas Schulte. Foto: Enric Duch
1/2 Cover: Der Brunnen/ The Fountain, Georg Kolbe Museum, Kathleen Reinhardt (Hrsg.), DISTANZ 2025, Design: Studio Pandan

Dem Museum und der Stiftung ist bewusst, dass die Restitution das widerfahrene unentschuldbare Unrecht nicht ungeschehen macht, sie ist jedoch eine selbstverständliche Geste der Anerkennung des Unrechts gegenüber den Nachfahren. Nach Annahme des Restitutionsangebotes im Februar dieses Jahres obliegt es allein den Erben, wie sie mit dem Brunnen verfahren. Sie haben sich entschieden, den Brunnen durch das Auktionshaus Villa Grisebach versteigern zu lassen. Die Details des Vorgehens sind einvernehmlich mit den Erben, ihren rechtlichen Vertretern, sowie der Villa Grisebach und ihren Vertretern geregelt. Angesichts der finanziellen Ausstattung des Georg Kolbe Museums, das keinen Ankaufsetat hat, scheint eine erfolgreiche Beteiligung an der Auktion für das Museum, das im Vorfeld erfolglos die bekannten Möglichkeiten der Drittfinanzierung eines Ankaufsangebotes geprüft hatte, unwahrscheinlich.

Im Rahmen des Projekts „Der Brunnen/The Fountain“ widmete sich das Museum gemeinsam mit Partnern wie der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste, der Geschichte des Tänzerinnen-Brunnens und seiner Vermittlung. Die Objekt- und Motivgeschichte werfen Fragen nach den Verflechtungen von Kunst und politischen Unrechtssystemen auf. Das Objekt vereint zwei historische Ebenen: Zum einen verweist das Schicksal des Auftraggebers auf die antisemitische Politik des Nationalsozialismus. Zum anderen zeigen die Trägerfiguren des Brunnens – drei Schwarze Männer, die eine weiße Tänzerin stützen – Kolbes Rückgriff auf koloniale Darstellungskonventionen und die damit verbundenen Hierarchien. Einzelne Veranstaltungen, wie die vertiefende Diskussion mit der Lichtenberg-Professorin für Provenienzstudien Prof. Dr. Lynn Rother (Leuphana Universität Lüneburg), der Kuratorin Dr. Elisa Tamaschke und der Direktorin Dr. Kathleen Reinhardt im Juli 2025 sind online hier verfügbar. Die Publikation „Der Brunnen / The Fountain“ erschien im Sommer 2025 im Distanz Verlag. Die im April 2025 eröffnete Rechercheausstellung zur Geschichte des Brunnens ist weiterhin im Untergeschoß des Museums zu sehen. Das Museum wird auch in Zukunft an die Familie Stahl und dem mit ihrem Schicksal verbundenen Tänzerinnen-Brunnen erinnern.